Sylt
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Der Krabbenfischer von Sylt

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Als ich Paul Walter 2015 zum ersten Mal traf, war der heute 73-Jährige noch hauptberuflicher Krabbenfischer. Der letzte seiner Zunft auf Sylt. Der Letzte, der seinen Fang direkt am Lister Hafen frisch vom Kutter an die Kunden verkaufte.

 

Sylt-Krabbenfischer Sylt-Sylt und der Norden-Paul Walter-Simone Steinhardt

Paul Walter auf seinem Kutter „Tümmler“

Für eine Reportage darf ich Paul Walter auf seinem Kutter „Tümmler“ zum Krabbenfischen begleiten. Seit 1965 ist der Wahl-Sylter Berufsfischer. Groß. Mit kräftigen Händen. An Bord seines  Kutters bewegt er sich so geschmeidig zwischen Kajüte und Reling, dass man ihm seine 73 Jahre kaum abnimmt. Sein Beruf bedeutet ihm die Welt. „Ich bin mit Leib und Seele Fischer. Ein Leben ohne das alles? Nee. Kann ich mir nicht vorstellen“, sagte mir Paul Walter, als wir mit der Tümmler früh am Morgen aus dem Lister Hafen tuckern. Trotz der frühen Stunde, und überhaupt – sind Fischer nicht eher schweigsam ? – plaudert Paul unverschämt wach über dütt und datt. Und lacht dabei so ansteckend, dass meine anfängliche Müdigkeit schnell verfliegt. Inzwischen färbt  die aufgehende Sonne den von Wolken durchzogenen Himmel langsam Rosa. In der Ferne ruht sich eine Kolonie Seehunde auf einer Sandbank aus. Obwohl Paul Walter seit über 50 Jahren zur See fährt, beeindruckt ihn das sich immer wieder ändernde Naturschauspiel zutiefst. „Die Freiheit hier draußen, die Bewegung des Bootes, die Wellen, das ist einmalig.“

Das Wattenmeer vor List

Paul Walter hat es nicht eilig. Mit 72 Jahren muss er nicht mehr leben vom Krabbenfang. Als wir die Stelle erreichen, an der Paul Krabben vermutet, lässt der Fischer ein sechs Meter breites und zehn Meter langes Netz ins Wasser. Immer wieder springt er zwischen Reling und Steuerrad hin und her, damit sich das Netz nicht in der Schiffsschraube verfängt. Als es im Wasser ist, tuckert die Tümmler mit gemächlichen 2,7 Knoten weiter. Spaziergeschwindigkeit.  Das Fangnetz rollt über den Meeresboden. Zeit für eine Tasse Tee. Die Becher baumeln an Haken vor dem Käjütenfenster der „Tümmler“. Paul nimmt sie ab, schenkt Tee ein. Es schmeckt salzig.

Prominenz an Bord der „Tümmler“

„Wollen Sie einen Keks?“, fragt Paul. Ich greife zu. Er selbst beißt in eine Stulle. „Letztens hatte ich Kolleginnen von Ihnen an Bord, vom Fernsehen. Mensch, waren die dünn. Aber einen Keks haben sie gegessen“, lacht der Krabbenfischer. Ich arbeite nicht für’s Fernsehen. Also her mit den Keksen. Überhaupt, Fernsehen. An Bord der „Tümmler“ haben sich schon einige bekannte Gesichter getummelt. Etwa der inzwischen verstorbene „Löwenzahn“-Moderator Peter Lustig. Und die Entertainerin Ina Müller. „Da hatten wir Windstärke neun. Ihren Kameramann mussten wir samt Ausrüstung an Bord festbinden. Und Ina sagte „Paul, Du schuldest mir eine Frisur“, erzählt der Krabbenfischer lachend. Inzwischen hat Paul Walter zum ersten Mal das Netz eingeholt. Krabben sind nicht drin. Nur etwas Beifang, über den sich die Möwen freuen. Das hatte der Fischer schon vor dem Auslaufen befürchtet. „Es ist sowieso weniger dieses Jahr mit den Krabben (2015, Anmerkung)“, so Paul. Normalerweise hat er im Herbst 20, 30 Kilo im Netz. Auch mal 100. „Wir hatten die Rippenqualle da, dann gibt es immer wenig Krabben“, erklärt Paul. Wir fahren weiter Richtung Ellenbogen. Paul Walter wirft nochmal das Netz aus. Wieder nichts. Nur Beifang und eine Handvoll kleiner Krabben. Zu klein für diese Jahreszeit, sagt Paul.

Krabben-Sylt-Sylt und der Norden-Bloggerin Sylt-typisch Sylt

Einzige Ausbeute: ein paar zu kleine Krabben

Enttäuscht machen wir uns auf den Rückweg. „Normalerweise würde ich jetzt Krabben kochen“, sagt Paul Walter. Und ich hätte gerne Krabben gegessen. Doch das ist die Natur. Paul Walter selbst sieht die Krabbenfischerei kritisch, so sehr sie auch Tradition im Norden und seine Leidenschaft ist. „Das geht zu Lasten des Fischbestands. Vor 15, 20 Jahren, da haben wir noch bis zu drei Zentner Schollen und Seezungen gefangen. Das ist vorbei.“ Damals hätte man auch bei fünf, sechs Windstärken aufgehört mit dem Fischen oder sich abgewechselt, wenn es viel zu fangen gab. Doch das sei längst vorbei, so Paul Walter. Er lenkt die Tümmler in den Hafen. Paul verabschiedet mich mit einem kräftigen Händedruck.

2016 – und alles ist anders

Als ich Paul vergangenen im Sommer erneut treffe, ist alles anders. Der inzwischen 73-jährige wird künftig nur noch als Hobbyfischer rausfahren. Seine Krabben darf er jetzt nur noch gegen eine Spende abgeben. Was war passiert? Erneut bin ich an Bord der „Tümmler“. Wir hocken in der Kajüte. Paul rechts im Fenster, ich links.

Krabbenfischer Sylt-Paul Walter-Sylt und der Norden-Simone Steinhardt

„Wie das als Hobbyfischer wird, ich weiß nicht. vermutlich befreiter.“

Routineüberprüfung wird zum Verhängnis

„Die Wasserschutzpolizei hatte sich angekündigt, Routineprüfung. Alles war gut, bis die mich auf meine Seetauglichkeitsbescheinigung ansprachen. Die hatte ich schlicht vergessen, zu erneuern“, erzählt Paul Walter. Eigentlich habe er zur Untersuchung gehen wollen. Doch dann sei etwas dazwischen gekommen, viel gefangen hatte Paul sowieso nicht mehr, und darüber geriet die so genannte Gesundheitskarte in Vergessenheit. Bis zum 11. Juni, dem Tag der Überprüfung durch die Wasserschutzpolizei. Weil Paul Walter keine gültige Gesundheitskarte vorlegen kann, erteilt die Berufsgenossenschaft Verkehr, kurz BG, ein Auslaufverbot. Eigentlich nicht weiter tragisch. Denn wenn Paul Walter die Untersuchung nachholen würde, könnte er, eine positive Bescheinigung vorausgesetzt, sofort wieder fischen. Doch er will nicht mehr. Der ganze Papierkram ist ihm schon lange zuwider. „Man weiß heute gar nicht mehr, was man machen soll oder macheen kann. “ Auch die Kunden wurden immer weniger. Krabben selbst pulen, das ist den Meisten heute zu viel Arbeit. Doch ganz aufhören? Kann Paul Walter das überhaupt, der Fischer mit Leib und Seele, in dessen Adern Salzwasser fließt, nach über 60 Jahren Seefahrt? Zudem wäre es auch für List ein herber Verlust, sagt der Lister Bürgermeister Ronald Benck:

Die Wasserschutzpolizei hat eine Idee. „Die haben mir vorgschlagen, als Hobbyfischer weiterzumachen“, so Paul Walter, der den Vorschlag annimmt. Eine Hobbyfischer-Lizenz hat er schon beantragt. Und seine geliebte „Tümmler“ umgerüstet. Statt einem sechs Meter langem Netz darf er jetzt nur noch ein drei Meter langes benutzen. Buchhaltung, Dokumentation der Fangmengen nach dem Fischen, der ganze Papierkram, der fällt jetzt weg. Verkaufen darf Paul Walter seine Krabben allerdings nicht mehr. Doch gegen eine Spende abgeben, das ist erlaubt. Als ich Paul Walter frage, wie es ihm mit der neuen Situation geht, wird er ganz still. Er, der so gerne viel erzählt und dabei so ansteckend lacht, klopft nur ein paar mal mit der Hand auf sein Herz. „Nicht gut“, sagt er leise. Die Umbauarbeiten an der „Tümmler“ hätten ihn abgelenkt, sagt er, darüber sei er froh gewesen. Wie es sich anfühlen wird, im kommenden Jahr als Hobbyfischer rauszufahren? „Vermutlich befreiter“, hofft Paul. Ich bin jedenfalls froh, dass ich letztes Jahr die Gelegenheit hatte, mit Paul Walter fischen zu fahren. Ein einmaliges Erlebnis, dass mir immer im Gedächnis bleiben wird.

http://www.frischvomkutter.de:
Unter diesem Link gibt’s die Info, wenn Paul Walter kommendes Jahr im Lister Hafen Krabben gegen eine Spende anbietet.

Text & Fotos: @Simone Steinhardt. Nachdruck, auch in Teilen, nur mit Zustimmung der Autorin

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