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Die Töpferinnen von Sylt

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In den 1950er Jahren war Sylt die Hochburg der Töpferinnen – viele gingen aus dem „Witthüs“ in Wenningstedt hervor, einer Töpferei und der ersten Teestube auf Sylt. Heute kämpft der Berufsstand ums Überleben. Doch zwei Sylter Frauen trotzen der industriellen Massenproduktion mit ihren kreativen Arbeiten und halten das traditionelle Kunsthandwerk am Leben.

Die Töpferin Erkel Gnauck beugt sich konzentriert über einen Klumpen Ton in ihrer Werkstatt in Keitum auf Sylt. Zwei Kilogramm der grauen Masse liegen vor ihr auf der Drehscheibe. Nur wenige Minuten später wird sie mit geschickten Handgriffen einen Krug daraus geformt haben. Was für den Betrachter so einfach aussieht, erfordert Erfahrung, handwerkliches Geschick, volle Konzentration und Muskelkraft. Kraft, die man Erkel Gnauck nicht ansieht. Klein und zierlich ist sie, ein interessanter Kontrast zu den kräftigen Händen. Das  halblange, graue Haar ist von wenigen dunklen Haarsträhnen durchzogen und wenn sie lacht, legen sich die Fältchen wie ein kleiner Fächer um ihre Augen. Ihre 74 Jahre sieht man Erkel Gnauck nicht an.

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Die Sylter Töpferin Erkel Gnauck bei der Arbeit an der Drehscheibe

Die Töpferin zentriert den Klumpen auf der Scheibe, bricht ihn auf und zieht die Masse dann, vereinfacht ausgedrückt, in eine Grundform. Dann folgt der so genannte erste Hub: Erkel Gnauck zieht die Tonmasse nach oben – so bekommt der Krug die gewünscht Höhe und die Töpferin kann mit Seitengriffen den Zylinder formen. Dann entsteht die Schnaupe, der Ausguss des Krugs. Ganz zum Schluss formt Erkel Gnauck den Henkel und bearbeitet den Boden. Das Formen des Krugs ist nur einer von vielen Arbeitsschritten. Es folgen zwei Durchgänge im Brennofen, Glasuren, die Erkel Gnauck selbst herstellt, Wartezeiten.

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So sieht der Keramik-Krug vorerst aus – es folgen noch viele weitere Arbeitsschritte, bis er fertig ist

Wie viele Arbeitsstunden genau in ihren Produkten stecken, kann die Töpferin gar nicht genau sagen. „Man hat so ein Stück schon sehr oft in der Hand, bis es fertig ist.“ Ihr Beruf hat sich zufällig ergeben. „Ich bin eigentlich gelernte Arzthelferin. Aber von den Chlorethyl-Betäubungen in den 60ern bin ich immer selbst mit umgekippt“, erinnert sich Erkel Gnauck lachend. Zufällig kommt sie in Kontakt mit Studenten der Hochschule für bildende Künste (heute Universität der Künste, UdK) in Berlin. Die Sylterin bewirbt sich, wird angenommen und macht einen Abschluss als Designerin für Porzellan und Keramik. Sie eröffnet ihre erste Werkstatt in Berlin, zieht 1979 mit ihrem damaligen Mann in die Wilstermarsch. Gemeinsam bauen sie fünf Ladenwerkstätten auf, unter anderem in Hamburg und St. Peter Ording. „Mit dem VW-Bus  bin ich rumgefahren und habe unsere Läden beliefert. Meine Kreativität blieb allerdings auf der Strecke.“ Vor 16 Jahren ziehen Erkel Gnauck und ihr Mann nach Sylt. Doch die Ehe zerbricht schließlich an der starken Belastung durch den Beruf. „Man kann es als Töpfer zu Wohlstand bringen, wenn man fleißig und kreativ ist. Doch ich habe einen hohen Preis dafür gezahlt“, sagt die Sylterin nachdenklich.

Erfolgreiches Mutter-Tochter-Gespann

Seit 2009 arbeitet Erkel Gnauck wieder in Eigenregie: Gemeinsam mit ihrer Tochter Anna Bothe betreibt sie eine Werkstatt mit Ladengeschäft in Keitum. Anna Bothe absolviert sogar ihre dreijährige Ausbildung zur Keramikerin bei ihrer Mutter. Die 35-Jährige hat ihren Abschluss ebenfalls an der UdK gemacht. Im Gegensatz zur Mutter töpferte Anna Bothe schon als Kind.

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Anna Bothe zeigt stolz ihre „Frühwerke“

„Etwas zu produzieren, sehen, was man geschaffen hat und dass auch andere Freude daran haben, das macht für mich die Faszination aus“, so die 35-Jährige. „Annas Begabung hat sich schon früh gezeigt. Wir ergänzen uns gut – sie kann sehr filigran arbeiten, ich bin eher für die Formen zuständig“, ergänzt ihre Mutter und zeigt stolz einige Arbeiten ihrer Tochter. Siebe, Tiere aus Ton mit fein herausgearbeiteten Details. Das Mutter-Tochter-Gespann funktioniert. „Wir haben unsere Reibungspunkte, reden aber dann darüber. Das will was heißen nach unserer Mutter-Tochter-Krise in meiner Teenagerzeit“, grinst Anna Bothe. Ende August wird sie ihre Ausbildung beendet haben. Als zehnter Lehrling ihrer Mutter. Ob sie direkt nach ihrer Ausbildung in die Töpferei ihrer Mutter einsteigt ist indes noch unklar. „Das Leben ist bunt“, orakelt Anna Bothe und lächelt.

Das Keramikhandwerk kämpft um Nachwuchs

Dass die nächste Generation in den Startlöchern steht ist ungewöhnlich in dieser Branche. „In den 70er Jahren gab es auf Sylt sicher noch fünf Töpferinnen mehr“, schätzt Erkel Gnauck. Heute sind es neben Gnauck und ihrer Tochter nur noch zwei. Nora Jensen, Fachlehrerin an der Landesberufsschule für das Keramikhandwerk (LBS) in Heide, kennt das Problem: „Massenprodukte sind eben billiger. Zudem haben viele gar kein Gespür mehr für eine schöne Form und wie angenehm ist es ist, aus einer getöpferten Tasse zu trinken.“ Vor 16 Jahren gab es noch bis zu 18 Schüler pro Jahr in der Klasse. Jetzt sind es nur noch 14 – allerdings aus zwei zusammengelegten Klassen. „Positiv ist, dass im Töpferhandwerk ein Generationswechsel stattfindet und junge Betriebe angefangen haben auszubilden“, so Jensen weiter.

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Haben Spaß bei der Arbeit – Anna Bothe und ihre Mutter Erkel Gnauck

Erkel Gnauck hat ihr Geschäft mit Geschick und Kreativität durch alle Krisen gesteuert: Während sie in den 90er Jahren mit Urnen dem Einbruch im Töpferhandwerk trotzt, stellt sie heute unter anderem das Tafelgeschirr für den Sylter Sternekoch Johannes King her. Erkel Gnauck weiß: Nach ihrem Arbeitstag werden Schultern und Nacken schmerzen und sie wird so erschöpft sein, dass sie mit den Hühnern schlafen geht. Doch ihren Beruf aufgeben? „Auf keinen Fall. Ich werde töpfern, bis ich umfalle“, sagt die Sylterin lachend und beugt sich über den nächsten Klumpen Ton auf ihrer Drehscheibe.

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Erkel Gnaucks Töpferei: Werkstatt und Verkaufsraum zugleich. Mit etwas Glück könnt ihr Erkel Gnauck bei der Arbeit zusehen!

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Text & Fotos: @Simone Steinhardt. Veröffentlichung, auch in Teilen, nur mit Zustimmung der Autorin

Weiterführende Links und Infos:

Die Töpferei von Erkel Gnauck findet ihr ihm ehemaligen Bahnhof von Keitum in der Munkmarscher Chaussee 29, Tel.  04651 8356981.

Ebenfalls in Keitum befindet sich die Töpferei von Till Bruttel und Regina Skoluda: Gaat 6, 25980 Keitum/Sylt, www.ferien-im-toepferhaus.de

Till Bruttel und Regina Skoluda sind – neben Erkel Gnauck und ihrer Tochter Anna Bothe – die einzigen, noch selbstständigen Töpferinnen auf Sylt.

 

 

 

 

 

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